08-05-18

Interview mit Peter Jellitsch

Lieber Peter, lass uns mit der Frage beginnen wie du dich selber bezeichnen würdest: Siehst du dich als Medien-Künstler?

Ich habe Anfang der 2000er angefangen zu studieren und der Begriff “Medienkünstler” war damals allumfassend. Peter Kogler - der Medien-Künstler schlechthin - hat an der Akademie unterrichtet und seine Arbeiten haben mich fasziniert. Die Begrifflichkeit hat mich jedoch so an sich nie interessiert. Ich bin in den 80ern aufgewachsen und habe die Welt offline als auch online erlebt, daher macht der Begriff für mich keinen Sinn. “Medien” beeinflussen mich seit meiner Kindheit. Anfang der 2000er stellte sich immer die Frage: Malst du selber per Hand oder macht das der Computer für dich? Und auf diese Frage habe ich mich nie eingelassen.

Inwiefern spielt deine Ausbildung als Tischler für dein künstlerisches Selbstverständnis und deine Praxis eine Rolle?

Meine künstlerische Tätigkeit wurde eingeleitet durch die Arbeit als Tischler. Ich habe ein Handwerk erlernt und während meiner Ausbildung wie besessen Videospiele gespielt. Aus dieser Selbstverständlichkeit heraus verschiedenen Tätigkeiten nachzugehen, hat sich auch meine künstlerische Arbeit weiterentwickelt. Im Prinzip kommt es dem Nahe was ich heute noch mache: Mit verschiedenen Computer-Programmen zu arbeiten, also ständig am Computer sein und im Atelier stehen und mit der Hand arbeiten. Ich habe mich dazu entschlossen, dass das was am Ende bei meiner Arbeit herauskommt, stets etwas Physisches sein soll, etwas was in der physischen Welt verbleibt - ein Unikat eben.

Davon mal abgesehen: Es hilft mir bei vielen Details, wie zum Beispiel dem Rahmen bauen.  Anfang des Studiums wurde mir auch oft gesagt, dass meine Arbeitsmoral sehr hoch sei - und das kommt definitiv von meinem Hintergrund aus der Arbeitswelt: Du stehst um 7.00 Uhr in der Werkstatt und um 16.00 Uhr geht man nach Hause.

Was mir sehr viel bringt, ist die Zusammenarbeit mit Künstlerinnen, die aus einer völlig anderen Welt kommen und eine andere Arbeitsweise haben, vor allem wenn deren Werk eine gewisse Imperfektion inne liegt. Ich finde es persönlich schwierig, diesen Grad an Imperfektion zu erreichen. Deswegen fand ich die Zusammenarbeit mit Rade sehr spannend.

Deine Arbeiten werden derzeit in der Ausstellung „jetzt für immer“ in der B.LA Art Foundation gezeigt. Wie bist du an die Ausstellungseinladung herangegangen? Sind es speziell für die Ausstellung angefertigte Arbeiten?

Es gibt einen Raum in der Ausstellung, in dem alle drei “Automatic Writings” gehängt wurden. Diese drei Arbeiten wurden speziell für die Ausstellung angefertigt. Es ist eine neue Serie, die sich aus den “Data Drawings” entwickelt hat. In der Ausstellung gibt es auch kleinere Arbeiten: Das sind Studien zu den “Data Drawings”, die so noch nie gezeigt wurden. Es ist gut sie in diesem Kontext zu sehen, da so ein besserer Zugang zu meinen Arbeiten und meiner Arbeitsweise erlaubt wird. Im Grunde sieht man hier bei der Birgit Lauda Art Foundation einen schönen Abriss meiner Arbeiten von 2014 bis 2018.

Kannst du uns etwas mehr über die Data Drawings erzählen? Sie sind eine Art visualisierter digitaler Datenströme. Wie misst du diese Daten und bringst sie dann aufs Papier?

Die ersten Arbeiten sind während einer Residency in Paris im Jahr 2013 entstanden. Ich schätze Struktur sehr und normalerweise fällt es mir schwer, mich schnell in neue Städte einzuleben. In Paris habe ich mir überlegt wie kann ich diesen neuen Raum und die neue Umgebung nützlich für mich machen? Aber in der Form, dass diese neuen Räume meine Arbeiten schreiben und produzieren. Und ein anderer Zugang war der, dass ich mich fragte: Wie würde ein Drip Painting von Jackson Pollock im Jahr 2013 aussehen? In Zeiten wo wir wissen, dass alle großen Silicon Valley Companies unsere Daten mitschneiden, alles zeitlich erfasst und getrackt wird. Könnte ich ein Drip Painting von einem Roboter anfertigen lassen? Und ist das berechenbar, ist das numerisch reproduzierbar?

Was geschieht, wenn ich das Internet, die Cloud anfasse, während ich in einem Raum bin? Mit einer App habe ich begonnen die Daten aufzuzeichnen und zu dokumentieren. Ich maß die Download Rate, erstellte Tagebücher, die numerisch geschrieben sind und suchte nach einer Methode wie ich das übersetzen kann: Ich habe in die Wissenschaft geschaut und danach gesucht wie man Daten visuell umsetzt. Egal ob man Vektordaten oder Datenströme hat, man hat immer 3 Werte und eine x-,y-,z-Achse. Die Daten werden eingetragen und ein Diagramm entsteht, was dann die Grundlage für meine Zeichnungen ist: Es werden immer wieder dieselben Fragmente eingetragen - Datensätze, die immer wieder auf Papier aufgetragen werden. Die schwarze Fläche dazwischen ist der Schatten, der entsteht, wenn man so ein Tal-, und Berg-Diagramm hat.

Zur zweiten Werkgruppe, den „Automatic Writings“:  Was ist da die Entstehungsgeschichte?

Die „Automatic Writings“ sind ein Versuch Datensätze in einer anderen Weise darzustellen. Noch weniger leserlich… Wenn man z.B. diese rote Arbeit „Talk Talk“ ansieht: rechts zeichne ich hier genauso Datensätze ein, aber ich trage nicht mehr ein woher diese Daten kommen. Es gibt keine Füllfläche mehr, von der Handbewegung ist es eine Form des Nachschreibens als würde ich ein EKG händisch erfassen wollen.

Du kombinierst das in den „Automatic Writings“ mit zwei Motivgruppen: Einerseits einer Darstellung des ersten Mobiltelefons und andererseits mit “Palm Tree Antennas”: Kannst du uns noch etwas dazu erzählen?

Das Männchen, das ich “Motorola Mann” nenne, hat folgende Geschichte: Ich beschäftige mich derzeit mit Google Patenten. Google hat ein Online Archiv mit Patenten vom Ende des 18. Jahrhunderts bis heute hochgeladen. Mir ist aufgefallen, dass es immer schwarz-weiße Zeichnungen von Erfindungen sind, kombiniert mit deskriptiven Texten. Das hat sich in den letzten 200 Jahren nicht maßgeblich verändert: Wenn man etwas erfindet, muss man dem Patentamt eine kopierfähige Zeichnung vorlegen, welche monochrom ist.

Auf Google Patent kann alles nachgeschlagen werden: Von einer Plastikpalme für den Garten bis hin zur Rundung des iPhone 8. Viele Zeichnungen sind sehr amüsant. Seit 200 Jahren ist es für technische Zeichner eine Art Zubrot-Verdienst für Erfinder perfekte Zeichnungen zu erstellen. Spannend wird es, wenn Leute beginnen ihre eigenen Zeichnungen zu machen: Ich arbeite momentan daran eine Sammlung von “People of Patent” zu erstellen, mit einer Auswahl an figürliche Darstellungen aus der Patentdatenbank. Das Motoral-Männchen habe ich auch dort gefunden. Es zeigt, wie eine Micro-Cell angesteuert wird, visualisiert durch das comic-hafte Männchen welches das Motorola Dynatac - das erste Mobiltelefon überhaupt - aus dem Jahr 1984 in der Hand hält.

Oft erscheint diese Figur im Zusammenhang mit den Mobilfunk Palmen oder neben den „Automatic Writings“. Die Figur versucht sozusagen mit der Palme Kontakt aufzunehmen. Die Palme an sich hat ganz oft eine romantische Konnotation, in meinen Arbeiten wird die Palme jedoch als “Message Träger: verstanden.  Um es auf den Punkt zu bringen: Sobald die Motorola Figur auftaucht, sind die Palmen nicht weit...

Die Palmen sind im Endeffekt Sendemasten, oder?

Ja, die Dattelpalmen sind der Inbegriff der Stadt Los Angeles. Sie gehören zum Stadtbild, sind jedoch ursprünglich aus Südafrika importiert worden. Sie wachsen bis zu 25m hoch und in L.A. gibt es Exemplare, die teilweise 35m hoch sind. Diese Palmen sind höchst ineffizient, da sie sehr viel Wasser brauchen. Das Stadtbild von L.A. wird sich jedoch in Zukunft verändern, da das Problem erkannt wurde und die Stadt die Palmen nicht mehr nachpflanzt. Dennoch assoziiert man L.A. automatisch mit Palmen, mit Exotik. Diese Künstlichkeit hat viele Künstler angezogen. Auch in meiner Arbeit geht es um dieses Irreale.

Ich bin ein großer Fan von Science-Fiction Literatur, wie Philip K. Dick, der Blade Runner, Minority Report und viele andere Filme produziert hat. Er hat in der Nähe von L.A. gelebt und war drogenabhängig, psychotisch und hat im Laufe der Zeit an gar nichts mehr geglaubt. Nur noch an Künstlichkeit, für ihn gab es keine Realität mehr. Das erinnert mich immer wieder an den Moment, wenn du durch L.A. an einer Palme vorbei läufst und du siehst, dass die Baumrinde abblättert und dir darunter eine metallene Struktur entgegen blitzt. Der Antennenmast ist hinter einer Palmen-Verkleidung versteckt. Natürlich kann diese Thematik auch extrem politisch aufgeladen werden - nicht nur die USA ist Meister des Versteckens. Hier treffen sich Filmindustrie und Bühnenbild - es wird alles perfekt imitiert. Vieles ist Fake.

In der Ausstellung werden auch Arbeiten des im selben Jahr geborenen Rade Petrasevic gezeigt: Für uns als Foundation war es wichtig, junge Künstler aus Wien zu zeigen. Auf den ersten Blick gibt es keine definierbaren Gemeinsamkeiten. Ihr beide habt einen sehr unterschiedlichen konzeptuellen Ansatz, dennoch fanden wir, dass es einige formale Gemeinsamkeiten gibt, vor allem hinsichtlich der Arbeitsweise. Wie bist du an diese vorgeschlagene Zusammenarbeit herangegangen?

Es war sehr interessant mit Rade auszustellen, gerade weil wir so verschieden sind. Ich habe ihn mehrmals im Studio besucht und dabei sehr viele Ähnlichkeiten entdeckt. Rade’s Malerei sieht oftmals aus wie eine Zeichnung, als wäre sie mit einem Marker erstellt worden. Trotzdem fallen wir beide nicht in die Kategorie Zeichner. Meine Arbeiten sind durchaus grafisch und Rade’s sehen grafisch aus, sind es aber nicht. Mir ist die Skalierung des Strichs wichtig. Ich scanne meine Zeichnungen oftmals ein und vergrößere sie dann. Meine Striche sind dann enorm und pixelig und ich habe angefangen, diese vergrößerten Striche direkt auf die Wand zu bringen. Ich wiederhole meine eigene Zeichnung, jedoch mit einem Pinsel.

Der Ausstellungstitel “jetzt für immer” klingt bindend. Wir finden ihn sehr humorvoll, vor allem wenn wir an euch beide und die Ausstellungskonzeption denken. Wie seid ihr auf diesen Titel gekommen? Ironie spielt doch hier eine Rolle…

Ich mag vage Ausstellungstitel. Ich beschäftige mich mit dem Internet, welches sich konstant in flux befindet.  Sobald ich die Daten gemessen habe, hat es sich schon wieder verändert. Meine Arbeiten stellen oft einen Moment dar, der so nicht mehr nachvollziehbar ist, nicht einmal mittels Datenströmen. Der Titel „jetzt für immer“ spielt da eine Rolle.

Zur Ausstellung ist eine limitierte Künstleredition erschienen. Rade spielt mit einer Art von Manifest und du hast abgewandelte Versionen der „Automatic Writing“  gemacht, nur im reduzierten Format. Wie bist du an die Editionen herangegangen?

Es war das erste Mal, dass ich Farbe verwendet habe, wahrscheinlich von Rade inspiriert. Ich arbeite grundsätzlich mit einer digitalen Umgebung und bin daher gegen die Reproduktion für mein Werk, meine Arbeiten sind immer Unikate. Der Zugang an die Thematik war ähnlich wie bei den „Automatic Writings“.

In Bezug auf die Weiterentwicklung deiner Arbeiten: Im eigenen Rückblick - wie hat sich dein Fokus (inhaltlich oder formal) in deiner Arbeit als Künstler in den letzten, sagen wir 5 Jahren, verändert?

Ich lasse mich viel mehr auf das Imperfekte ein, meine Arbeiten sind ungenauer geworden und genau darin liegt die Spannung für mich momentan.

Erzähl uns bitte mehr über den Zusammenhang von Wissenschaft, Technologie und Kunst. Wer denkst du arbeitet an interessanten Dingen in diesen Bereichen? Wer inspiriert dich?

Ich finde meine Inspiration eher in Kunstformen, in denen ich selber nicht arbeite und von Dingen, die fern meiner eigenen Technik liegen, Musik ist z.B. sehr wichtig für meine künstlerische Arbeit. Das bringt mich in einen bestimmten Arbeitsmodus. Ich musste über die Jahre jedoch auch erst einmal lernen, wie man mit dieser Bilderflut umgehen kann. Eine Freundin von mir, die Grafikerin ist, hat mir dahingehend einen wichtigen Hinweis gegeben: Wenn sie von einem Bild, das sie online findet, inspiriert wird, speichert sie sich das Bild nicht einfach ab, sondern zeichnet es in ihr Skizzenbuch.

Nun zur letzten Frage: An welchem Projekt arbeitest du demnächst oder was ist dein nächstes Projekt?

Mein neues Buchprojekt, welches ich hier in der Foundation am 7. Juni präsentieren werde.

Interview durchgeführt von Talina Bauer & Katharina Worf

 

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©Leonhard Hilzensauer

"Talk Talk", 2018

©Leonhard Hilzensauer

©Olivia Wimmer